Lutz Staacke von #1000malwillkommen: "Menschen und Willkommenskultur in Deutschland ein Gesicht geben"

Wie heißt Eure Initiative und welches Ziel verfolgt sie ganz konkret?

"1000  mal willkommen soll auf einfache Art und Weise den Menschen in Deutschland ein Gesicht, eine Plattform geben, die für eine andere Willkommenskultur einstehen." 

Welchen Claim, welchen Hashtag nutzt ihr? Welche Kriterien spielten bei der Entscheidung eine Rolle?

"Die Idee zu #1000malwillkommen kam von mir. Da braucht es meiner Meinung nach auch keinen Claim mehr. Der Hashtag bzw. der Name des Blogs sagt alles aus. Wenn Bilder zum Blog hochgeladen werden, bieten wir den Einreichern der Bilder an, diesen und noch #refugeeswelcome als Hashtag zu verwenden, da dieser international am meisten verbreitet ist."

Was war der Impuls, eine solche Initiative zu starten?

"Mich haben die ständigen Hasskommentare im Netz genervt. Dazu noch die ganze 'Panikmache' besorgter Bürger und Hasstiraden bei Veranstaltungen/Demonstrationen. In einem Fernsehbericht (okay, VOD) sagte eine Frau dann, sie setze sich für Füchtlinge ein, sei damit aber wohl in der schweigenden Minderheit. Das wollte ich ändern."

Welche Unterstützer habt Ihr an Bord? Wie habt ihr diese gewinnen können?

"Ich habe zuerst eine Messenger Gruppe auf Facebook gegründet, die dann schnell zur offiziellen Gruppe "Willkommen Zuhause" wurde. Hier haben sich einige meiner Social Media Bekannten zusammengefunden (Cathrin Mittermeier, Marco Jahn, Magdalena Rogl). Eine von ihnen, Anett Gläsel-Maslov, ist dann voll mit ins Team eingestiegen und wir gestalten nun alles gemeinsam."

Habt Ihr Kontakt zu anderen Initiativen gesucht und Euch abgestimmt?

"Am Anfang hatten wir kurz Kontakt zu NOPEGIDA, stimmen uns aber nicht mit ihnen ab. Einer Zusammenarbeit stehen wir aber jederzeit offen gegenüber. Da wir aber weniger politisch als andere Organisationen sind, wird es vielleicht schwieriger, etwas zu finden."

Über welche Kanäle kommuniziert Ihr? Seht Ihr Unterschiede?

"Unsere Schaltzentrale ist der Blog www.1000malwillkommen.de, der bei Tumblr gehostet ist. Warum Tumblr? Bei keinem anderen Social Network ist es so einfach, andere Menschen zum Mitmachen zu motivieren und diesen Content dann an einer Stelle zu bündeln. Dank ifttt werden diese Bilder dann auch zu Facebook und Twitter gespielt. Auf Twitter gehen wir noch stärker in die direkte Kommunikation mit anderen Initiativen und Usern ein und teilen dort (aber auch bei Facebook) Artikel zu weiteren schönen Beispielen, wie sich Menschen für Flüchtlinge einsetzen. Die größte Reichweite hat sicherlich Facebook, wobei hier die Interaktion nicht gerade eine große Rolle spielt, da dort die Kommentare der Fans eher Statements sind."

Wie waren die Reaktionen bisher? Gab es „Hass“-Kommentare oder entsprechende Mails bzw. starke Unterstützung? Sind Medien darauf angesprungen? 

"Im Großen und Ganzen sind die Kommentare positiv. Wie zu erwarten gibt es bei vermutlich jeder Organisation/ Initiative auch negative Kommentare, die wir entweder entfernen müssen (da sie mit dem geltenden Recht nicht übereinstimmen) oder beantworten und versuchen aufzuklären. Das schöne an der Arbeit ist aber: Es gibt immer wieder tolle Zuschriften per Mail, dass wir eine tolle Arbeit machen, dass sich 'endlich mal jemand wieder etwas positives traut' und wir dem Hass im Netz etwas entgegensetzen. Für Medien war es natürlich eine gute Gelegenheit, darüber zu berichten, da es etwas "Neues" war. Und als Social Media Profis wussten wir natürlich auch, wie man die Initiative so streut, dass sie gefunden wird."

Wie entwickelt sich die Initiative im zeitlichen Verlauf? Gab es zu bestimmten Zeitpunkten besonders positives oder negatives Feedback?

"Das meiste negative Feedback gab es zu Beginn der Aktion. Das ebbte aber schnell wieder ab, da wir uns nicht in stumpfe Diskussionen begeben haben. Ansonsten erhöht sich das Feedback (sowohl negativ als auch positiv), wenn wieder etwas über uns berichtet wird."

Was sind die konkreten Ergebnisse?

"Zu den harten Fakten: Nach gut einem Monat haben wir 350 Beiträge auf Tumblr mit 150 Followern. Die Reichweite auf Twitter liegt bei 55 Tsd im August und das bei nur 300 Followern und 350 Tweets. Bei Facebook haben wir eine ähnliche Reichweite. Hier sind es auf wöchentlicher Basis 45 Tsd und bei 2500 Fans. Soviel zu den Zahlen. Was aber viel wichtiger ist: Nachdem #1000malwillkommen gestartet ist, haben mehr und mehr Blogs diese Initiative aufgegriffen und berichtet, dass wir der Auslöser für den Blogbeitrag sind und wir sie "wachgerüttelt" haben auch endlich "laut" zu werden. Es ist schön zu sehen was aus einer spontanen Idee mit Stift, Spruch und Selfie entstehen kann."

Teilweise wird von verbalem Wettrüsten gesprochen. Kommuniziert Ihr eher aggressiv oder gemäßigt? Warum?

"Wir sind sehr gemäßigt. Es war von Anfang an nie gewollt, dass "besorgte" Bürger vorgeführt werden, da man Hass schlecht mit Hass bekämpfen kann. Das geht nur im gemeinsamen Dialog. Diesen konnten wir (dank geregeltem Job) anfänglich nicht führen. Doch wenn wir merken, dass Worte mehr helfen, gehen wir auch darauf ein. Eine gute Moderation muss hierfür eben gewappnet sein. Zu allen Fragen, Argumenten etc. eine Antwort haben. Sich im Vorfeld überlegen, wen sie erreichen will, wen sie beobachten muss (um ggf einzuschreiten) und wem man Informationen geben muss, damit sich alles relativiert. Darin unterscheiden sich die einzelnen Communities nicht, sei es im Naturschutzforum, auf einer Motorradseite oder eben bei Facebook zum Thema Flüchtlinge."

Ausblick: Wohin wird sich das Thema medial und im Social Web entwickeln? Ist die Welle irgendwann vorbei?

"In Bezug auf Flüchtlinge? Es reicht heute vielleicht nicht mehr nur 'gute Worte' zu zeigen, sondern man muss auch aktiv zu sein. Als Initiative muss ich um die Aufmerksamkeit kämpfen (gleiches gilt für jede andere Brand auch). Der User entscheidet mit seiner wertvollen Zeit, ob er etwas verfolgen möchte, sich informiert fühlt und am besten engagiert. Er muss in seinem Wert einen Gegenwert sehen. Daher sollte sich jede Initiative irgendwann fragen: Ist das noch der richtige Weg? Muss ich etwas ändern, um meine Ziele und die meiner Fans noch zu erreichen? Bei sozialen Initiativen denkt man vielleicht erst: Zielgruppe? Aufmerksamkeit? Das brauchen wir alles nicht. Ich denke aber, dass in der heutigen Zeit viel mehr darauf geachtet werden sollte, dass dem User, Kunden, Unterstützer mehr Angebote unterbreitet werden. Zahle ich 30 EUR im Jahr generell an Greenpeace oder gebe ich mein Geld lieber gezielter aus? Unterstütze ich somit ggf. Schutz der Schweinswale, Brunnenprojekte in Afrika, Erdbebenopfer in Nepal und Aufforstungsprojekte in Deutschland mit je 10 EUR."


Vielen Dank, Lutz, für das Interview.


 

Lutz Staacke, Initiator 1000mal willkommen

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