Interview mit Oliver Wurm

Hat sich die Rolle von Fußball-Trainern in der öffentlichen Wahrnehmung in den letzten 20 Jahren verändert? Wenn ja, wie?

Mitte der 90er waren die Trainer auch längst mehr als Übungsleiter oder reine Fußball-Lehrer. Es war die Zeit von Gentleman Ottmar Hitzfeld bei Borussia Dortmund. Später von Zampano Christoph Daum. In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Wertschätzung von Trainern meines Erachtens besonders in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen. International durch herausragende Persönlichkeiten wir Mourinho, Guardiola, Wenger – national durch neue, frische Typen von Klopp bis Tuchel. „Der Star ist die Mannschaft“, hat Berti Vogts 1996 noch gesagt. Das ist längst vorbei. Die Trainer sind selbst zu Stars aufgestiegen. Auch vom Gehalt. Und werden auch öffentlich so wahrgenommen. Sie funktionieren in der Werbung. Und ein Trainer samt Konzept und Stab gilt vielen Anhängern inzwischen eher als Heilsbringer denn ein neuer Starspieler. In den Köpfen der Öffentlichkeit hat sich festgesetzt: Große Trainer holen große Pokale.

Jürgen Klopp und Pep Guardiola sind die Super-Stars. Droht den Vereinen, dass sie die Mannschaft und die Club-Marke überstrahlen, auch in der Berichterstattung?

„Droht“ ist das falsche Wort. Sie tragen dazu bei, dass der Club strahlt. Wohl wissend, dass der Club – und das ist, wie die Vergangenheit lehrt, keine Floskel – immer größer ist als der Einzelne. Wenn ein Trainer eine Zeit lang sogar den Verein in der öffentlichen Wahrnehmung überstrahlt, hilft das letztlich auch dem Verein.  Anm.: Dass Thomas Schaaf vergleichsweise häufig in den Headlines steht, liegt auch am Gegenwind, den er in den Frankfurter Medien hat. Und könnte somit eine Momentaufnahme sein. Andererseits: Auch in Bremen lief viel über den Namen Schaaf. Vielleicht ist es auch hier die schlichte Erkenntnis: Kurzer, prägnanter Name. Aufgeladen durch lange Trainer-Zeit und eine besonders markante offensive Spielweise seiner Teams: Schaaf-Fußball. Anm. 2 zu den Fotos: Normal , dass in dieser Saison besonders viele Bayern-Spieler im Bild waren. Erstens verfügt der FCB über ein Dutzend bekannte Stars. Und diese standen, leider oft durch schwere Verletzungen und damit einhergehenden Ergebniskriesen, stets im Focus der Vereinsberichterstattung.

Der an der Seitenlinie tobende Klopp – ist das ein Pflicht-Foto?

Nein. Der emotionale Klopp: Ja! Er jubelt mindestens so fotogen wie er schimpft.

Wir haben festgestellt, dass Klopps Anteil in Überschriften zum BVB doch auffallend hoch ist. Verkauft sich Klopp in einer Headline besser als der BVB?

Es liegt vor allem daran, dass er in sieben Jahren den Fußball, den der Verein spielt, maßgeblich geprägt hat. Ebenso das Vokubular rund um diesen Fußball. „Vollgasveranstaltungen“, „Pressing“, „Gegenpressing“, „Umschaltspiel“. Wer dies zusammen fassen will/muss, spricht von Klopp-Fußball. Hinzu kommt, dass Klopp durch seine Auftritte abseits der reinen Trainertätigkeit enorme Bekanntheitswerte erlangt hat. Besonders durch seine Experten-Tätigkeit im Free-TV bei Welt- und Europameisterschaften. Das ist die ganz große Quoten-Bühne. Hier ist er zum Entertrainer aufgestiegen. Ganz zuletzt spielt sicher auch eine Rolle, dass der Name Klopp phonetisch und von der Länge einfach auch ein guter Headliner ist.

Ist das bei Bayern München oder Eintracht Frankfurt anders?

Bei Bayern München ist es mit „Pep“ (nicht Guardiola) ähnlich. Bei Eintracht Frankfurt – da mit Thomas Schaaf dort ein Gegenentwurf des medialen Klopp an der Linie steht – ist es gänzlich anders.

Unsere Analyse zeigt, dass „Kloppo“ in der BVB-Welt gesamtmedial eine größere Bedeutung hat als Pep bei Bayern. Kann man sagen: Klopp ist bzw. war der BVB, „Pep“ aber nicht Bayern bzw. andersrum?

Weder noch. Aber: Klopp hat den BVB mehr geprägt als dies Guardiola bislang bei den Bayern geglückt ist. Erstens hatte er dafür aber fünf Jahre länger Zeit. Und die Fallhöhe – in diesem Fall von unten nach oben – war beim BVB eine andere. Dadurch verbindet man mit Klopp einen sagenhaften Aufstieg. Mit Guardiola lediglich eine Weiterentwicklung im fußball-spezifischen Bereich.

Würde Eintracht Frankfurt ein hochemotionaler Trainer oder ein internationaler Star-Trainer helfen, um medial anders in Erscheinung zu treten?

Ja.

Spielt die Personalisierung in sozialen Netzwerken eine Rolle für die Berichterstattung? Versuchen die Medien, bewusst noch stärker zu personalisieren?

Ja. Menschen lesen – früher wie heute – am liebsten über Menschen.

Ist ein Trainer-Interview wichtiger als ein Spieler-Interview? Zumindest bei Klopp oder Pep?

Ja. Bei Pep, da er eine Politik der Verknappung betreibt. Bei Klopp, weil er als Chef einfach mehr zu sagen hat. Und zudem immer hohen Unterhaltungswert.

Klopp wird mit den Eigenschaften stark/dynamisch, humorvoll & vertrauenswürdig assoziiert. Er bildet den Typus ‚väterlicher Freund‘ ab und wirkt damit sehr nahbar. Guardiola wird mit den Eigenschaften cool/lässig, chic/elegant & Trendsetter assoziiert. Er bildet den Typus ‚cooler Trendsetter‘ und wirkt eher unnahbar. Spielt man medial bewusst mit diesen Stereotypen?

Nicht bewusst. Aber, da die Eigenschaften ja offensichtlich sind, sind sie auch Bestandteil der Berichterstattung.

Würde die Marke Klopp zum FC Bayern passen?

Ja. Klopp kann sich anpassen. Aber auch mitreissen. Er würde die Bayern "kloppoisieren". Dass "mia san mia" steckt letztlich ohnehin in ihm. Schon in Mainz. 

Würde die Marke Guardiola zum BVB passen?

Nein. Sportlich ja, das wäre phantastisch Aber Guardiola liebt nur einen Verein (Barcelona) und ansonsten lediglich das Spiel. Und er hat eine gänzlich andere Vorstellung von Nähe und Distanz als die Menschen im Ruhrgebiet. Gleichwohl wäre es hoch spannend. Und vielleicht ergäbe sich genau daraus auch ein explosiver Mix.

Das MUNICH DIGITAL INSTITUTE bedankt sich für das Interview.

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Oliver Wurm, freier Journalist und Medienberater

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