Interview mit Stefan Plöchinger, Leiter Digitalressort, Süddeutsche Zeitung. 

Welche Argumente gibt es für / gegen die Veröffentlichung des Namens des Co-Piloten der Germanwings Maschine?

"Dafür spricht, dass mutmaßliche Täter bei einer Tat dieser Dimension nach allen Regeln der Standesethik identifiziert werden, weil ein öffentliches Interesse an allen relevanten Details besteht. Charles M., Anders B., Mohammed A., Timothy McV., Fritz H. – solche Anonymisierung ist keineswegs üblich, der Verweis auf das Konstrukt „Person der Zeitgeschichte“ also auch im Fall Lubitz nachvollziehbar. Der Name ist von nicht riesiger, aber gewisser Relevanz, denn er hat durchaus Informationswert: „Andreas Lubitz“ ist zum Beispiel nicht „Mohammed Atta“ oder „Andrea Lubitz“; wir alle assoziieren mit Namen Klischees und Vorurteile; und ich will durchaus die Frage stellen, ob bei einem „Mohammed Atta“ im Cockpit des Germanwings-Fluges die gleiche Debatte geführt worden wäre – ich wittere da einen unconcious bias. Gegen die Veröffentlichung des Namens spricht vor allem die Schonung der Familie Lubitz. Ich kann das Argument nachvollziehen, und dennoch bezweifle ich, dass bei einer medienübergreifenden konzertierten Abkürzung zu Andreas L. die Familie in ihrem Wohnort und in ihrem Bekanntenkreis ernsthaft geschützt gewesen wäre. Ich kann das Unbehagen nachvollziehen, wenn Menschen öffentlich eines Verbrechens angeklagt und ihre Verwandten im Wortsinn in Mitleidenschaft gezogen werden. Dennoch finde ich es bei entsprechender Indizienlage legitim und bei entsprechender Dimension angemessen. Zentral ist eine klare Indizienlage, weshalb ich es auch wertvoll fand, dass anfangs viele Medien – auch wir – den Namen abgekürzt haben."

Welche Argumente gibt es für / gegen die Veröffentlichung des Bildes des Co-Piloten der Germanwings Maschine?

"Letztlich gilt hier dasselbe Argument wie beim Namen. Wenn Menschen Schreckliches tun, interessieren sich andere Menschen für Details, und das Aussehen ist eines jener Details. Natürlich verbirgt sich dahinter auch Voyeurismus, weshalb die tiefergehende Frage ist, wie weit man bei der Berichterstattung geht, wie groß man Bilder zeigt, wie viele, in welcher Aufmachung und in welchem Kontext. Hier scheidet sich Boulevard von seriösen Medien, und zwar schon immer. Zur Erinnerung: Von den eingangs erwähnten Mördern kennen wir allesamt Bilder, aber mit diesen Bildern sind alle Medien stets unterschiedlich umgegangen. Ich zweifle nicht daran, dass wir, wenn der Schock über die Tat in den Hintergrund gerückt ist, Bilder von Andreas Lubitz in Jahresrückblicken quasi-dokumentarisch sehen werden. Vermutlich ist ein großer Teil der aktuellen Debatte auch dem Gefühl geschuldet, wie schrecklich dieser Absturz ist und dass es nicht wenigen Leuten schnell zu viel wird an Details über das letztlich nicht fassbare Grauen und den mutmaßlichen Verursacher."

Ist es nach ihrer Auffassung ein Unterschied, einen Namen zu nennen und ein Bild zu zeigen?

"Natürlich – das sind zwei verschiedene Informationen; die eine identifiziert, und zwar dauerhaft; die andere illustriert, und zwar meistens nicht allzu akkurat, weil es sich ja oft um Schnappschüsse eines Moments im Leben des Täter handelt. Es sind deshalb auch zwei unterschiedliche ethische Abwägungen, die Redaktionen zu treffen haben. Gemeinsam ist beiden Informationen, dass sie an der Oberfläche bleiben. Journalismus ist, wenn darauf Recherche über tiefergehende Hintergründe der Tat beginnt. Wohlgemerkt nicht: wenn Spekulationen losgetreten werden."

Name und Bild des Co-Piloten sind seit dem Absturz im Web auffindbar. Spielt dies eine Rolle für die Entscheidung der Redaktion und wenn ja, welche?

"Name und Bild waren zuerst über die Nachrichtenticker auffindbar, deshalb setzte die ethische Entscheidung bei uns schon an jener Stelle an."

Gibt es für Sie einen qualitativen Unterschied zwischen der Wagner-Kolumne und Trauer-Schnipsel aus Instagram in einer Buzzfeed-Story? Wenn ja, welchen?

"Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Das sind völlig verschiedene Dinge, mit der Gemeinsamkeit, dass all diese Dinge irgendwo publiziert werden. Je professioneller der Absender, desto höher meine Erwartung. Ich weiß nicht, ob alle angesprochenen Absender dieses Kriterium erfüllen."

Stellen Sie eine Veränderung in den Diskussions- bzw. Kommentarverläufen über die Tage nach dem Absturz fest?

"Ich sehe kein einheitliches Diskussions- und Kommentarverhalten zu dem Fall. Leser haben ethische Fragen gestellt, zurecht und zum Glück, weil das die Reflektionsfähigkeit unserer Zunft schärft. Diese  ethische Debatte steht allerdings in krassem Widerspruch zum Leseverhalten vieler Leute. Vermutlich dürften alle großen Nachrichtenangebote der Republik in jenen Tagen Rekordquoten gehabt haben, weil viele Menschen ohne größeres Nachdenken alles über diesen Absturz wissen wollten. Inwieweit da ein gemeinsamer Diskurs stattgefunden hat – ich glaube es nicht. Ich denke, es gab und gibt zumindest in den atomisierten Debattenmöglichkeiten des Netzes viele verschiedene Diskurse nebeneinander."

Welche Rolle spielen kommerzielle Erwägungen bei der Frage, wie sehr man spekuliert oder rein bei den Fakten bleibt?

"Keine. Wir wissen, dass viele unserer Kernleser die Namensnennung oder Bildveröffentlichung eher kritisch sehen – es ist aber keine kommerzielle Abwägung gewesen, sondern einfach eine im Sinne unserer Nutzer, dass wir uns stärker zurückgehalten haben als andere."

Hat das Social Web etwas an der Art der Nachrichten-Aufbereitung und -Verbreitung geändert?

"Ein grundsätzliches Ja auf eine allzu grundsätzliche Frage. Natürlich werden Informationen bei Katastrophen wie dieser ganz anders konsumiert, rezipiert und diskutiert als früher, respektive: Es geschieht in der latenten bis totalen Öffentlichkeit des Social Webs, und das verändert Konsum, Rezeption und Diskussion."

Ihre Sicht auf das Social Web? Lässt sich dies auch unterteilen in Boulevard und „Qualitäts-Nutzer“?

"Das Social Web ist ein Abbild der Gesellschaft und hat damit so viele Schattierungen wie ebenjene."

 

Vielen Dank, Stefan Plöchinger, für das Interview.

 

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Stefan Plöchinger, Digitalchef Süddeutsche Zeitung 

"Wir sind Publizisten, keine Pädagogen."

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