Interview mit Lars Wallrodt, Fußball-Chef, WELT-Gruppe (Antworten rein privat und nicht im Namen der WELT-Gruppe) 

Welche Argumente gibt es für / gegen die Veröffentlichung des Namens des Co-Piloten der Germanwings Maschine?

"Zunächst sollte die Identität des Co-Piloten so lange anonymisiert werden, bis die Schuld klar bewiesen ist. Dieser Zeitpunkt war bei diesem Unglück allerdings schwer festzulegen. Selbst die Veröffentlichungen der Staatsanwaltschaft waren ja zu Beginn bewusst vage gehalten. Das Problem für zahlreiche Medien, die davor zurückschreckten, den Klarnamen zu nennen, war der Umstand, dass der Name sich über diverse Kanäle wie ein Lauffeuer verbreitete. Hielt also eine einzelne Zeitung den Namen zurück, dann nur aus ethischen Überlegungen – Schutz im Sinne von 'in dubio pro reo' war zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr zu gewähren."

Welche Argumente gibt es für / gegen die Veröffentlichung des Bildes des Co-Piloten der Germanwings Maschine?

"Siehe vorherige Frage – die Argumente für die Veröffentlichung eines ungepixelten Fotos sind die gleichen wie für die Veröffentlichung des Klarnamens."  

Ist es nach ihrer Auffassung ein Unterschied, einen Namen zu nennen und ein Bild zu zeigen?

"Nein. Der Effekt ist letztendlich der gleiche."

Name und Bild des Co-Piloten sind seit dem Absturz im Web auffindbar. Spielt dies eine Rolle für die Entscheidung der Redaktion und wenn ja, welche?

"Ja, das spielt automatisch eine Rolle, weil abgewogen werden muss, ob die eigenen ethischen Maßstäbe noch anzulegen sind, wenn ohnehin jeder den Namen und das Gesicht des Co-Piloten kennt."

Gibt es für Sie einen qualitativen Unterschied zwischen der Wagner-Kolumne und Trauer-Schnipsel aus Instagram in einer Buzzfeed-Story? Wenn ja, welchen?

"Der Unterschied sollte sein, dass FJW ein vielbeachteter Kolumnist ist, während die SM-Fragmente von mitunter anonymen Quellen kommen. Wagners Worte haben automatisch mehr Gewicht als „ausgeliehene“ Schnipsel aus den sozialen Netzwerken. Allerdings ist es schon billig, sich dort zu bedienen und gleichzeitig mit erhobenem Zeigefinger Richtung Wagner zu fuchteln. Besagte Kolumne mag grenzwertig gewesen sein. Aber sich im undifferenzierten Trauertopf der SM zu bedienen, weil man ggf. selbst nicht die Traute hat, eigene Worte zu finden, ist nicht besser, sondern eine geliehene Meinung."

Stellen Sie eine Veränderung in den Diskussions- bzw. Kommentarverläufen über die Tage nach dem Absturz fest?

"Ja. Unmittelbar nach dem Absturz war die große Fassungslosigkeit zu spüren. Dann setzte allerdings recht schnell das Medienbashing ein – fast schon, bevor tatsächlich so berichtet wurde, wie es dort kritisiert wurde. Das schaukelte sich über Tage hoch, bis die Diskussion zumindest etwas versachlicht wurde. Auch, weil sich diverse Medien – auch die BILD – mit der eigenen Berichterstattung kritisch auseinandersetzten."

Welche Rolle spielen kommerzielle Erwägungen bei der Frage, wie sehr man spekuliert oder rein bei den Fakten bleibt?

"Das beinhaltet die grundsätzliche Frage, ob der journalistische Ehrgeiz, als erstes eine „gute“ Story zu haben, kommerziell ist oder eher eine Art brancheninternes Wettrennen. Fakt ist, dass aufgrund der neuen Medienstrukturen mit klar erkennbaren Kennzahlen wie Klicks oder Abrufzahlen bei Großereignissen es natürlich schon die Bestrebung gibt, das enorme Interesse zu bedienen. Wie sehr die Berichterstattung dann in den spekulativen Bereich geht, hängt auch vom Qualitätsanspruch des Mediums ab. Boulevardzeitungen sind dort sicher anfälliger als Abonnementzeitungen oder Nachrichtenmagazine. Es ist allerdings offensichtlich, dass sich auch letztgenannte Medien noch schwer tun, in der Welt des Internets das richtige Maß zu finden."

Hat das Social Web etwas an der Art der Nachrichten-Aufbereitung und -Verbreitung geändert?

"Klares Ja. Der Input ist viel größer. Darunter fasse ich sowohl Meinungen aus den sozialen Netzwerken, aber auch Recherchemöglichkeiten, zum Beispiel durch den digitalen Fußabdruck des Co-Piloten. Außerdem ist wohl auch das direkte Feedback der User durchaus entscheidend für das weitere Vorgehen der klassischen Medien gewesen."

Ihre Sicht auf das Social Web? Lässt sich dies auch unterteilen in Boulevard und „Qualitäts-Nutzer“?

"Natürlich. Es gibt eine große Anzahl von Menschen, die im SW ungefiltert ihre Wut auf die Welt rauslassen. Medien, Regierung, Einzelpersonen – es wird auf alles draufgehauen, was nicht ins eigene Weltbild passt. Natürlich aber gibt es auch Leute, die differenzierte Betrachtungen äußern. Oft, um dann wiederum von den Trollen attackiert zu werden. Das macht das Social Web zwar zu einem Medium, das die gesamte Bandbreite der menschlichen Emotionen abbildet. Dadurch darf es allerdings nicht zum Richtwert einer Berichterstattung werden."

 

Platz für Ihre persönlichen Einschätzungen:

"Mich hat es erschreckt, wie schnell und meiner Meinung nach vorschnell alle Medien in einen Topf geworfen wurden, um dann draufzuhauen. Es ist traurig, dass die vierte Macht im Staate für viele nur noch die 'Lügenpresse' ist. Natürlich wurden bei der Recherche auch Grenzen überschritten. Aber Forderungen wie die, von der Absturzstelle oder aus Haltern fernzubleiben, gehen meilenweit am Kern und der Aufgabe von Journalismus vorbei. Journalisten berichten, das ist ihr Job. Dabei muss es Grenzen geben, unbestritten. Doch die muss eine unabhängige Presse sich selbst setzen und nicht von einem abgebrachten Mob diktiert bekommen. An der Definition dieser Grenzen muss sie arbeiten."

 

Vielen Dank, Lars Wallrodt, für das persönliche Interview

 

>> Die große MUNICH DIGITAL INTELLIGENCE zur Medienberichterstattung, Suchmaschinen und Resonanz im Social Web rund um den Germanwings-Absturz gibt es hier. 

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Lars Wallrodt, Leitender Redakteur Fussball, WELT-Gruppe

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