Diesem Text sei vorangestellt, dass das MUNICH DIGITAL INSTITUTE bereits vor Wochen gebeten wurde, einen Social Media Workshop für deutsche Polizeibeamte zu gestalten und wir uns von daher mit dem Thema Sicherheit und Social Web schon länger befassen.

Die Polizei München wurde für ihre Kommunikation rund um die Geschehnisse des 22. Juli 2016 in München von Medien wie Social Media Nutzern außerordentlich gelobt. Diesem Urteil stimmen wir uneingeschränkt zu. Gleichzeitig mahnte die Polizei in München aber auch an, dass Medien wie Social Media Nutzer in der großen Aufregung mit einer Unmenge von Vermutungen und Fehlinformationen eine sehr unübersichtliche Situation geschaffen hätten, die es den Polizeibehörden erschwert habe, ein klares Bild in den sozialen Netzwerken herzustellen. 

Hochgeschwindigkeit

In der Hochgeschwindigkeit der Echtzeitkommunikation vor allem auf Twitter entsteht eine Dynamik, die die Verifizierung von Informationen nahezu unmöglich macht. Dies betrifft auch die Polizei selbst. Am Freitag hat die Polizei München teilweise nicht voll gesicherte Informationen veröffentlicht, um die Informationshoheit zu behalten. Es wurde beispielsweise von bis zu 3 Tätern gesprochen, die evtl. flüchtig sind oder auch von einem möglichen Terrorakt – versehen mit der Information, dass es sich nicht um sichere Erkenntnisse handelt.

Diese Kommunikationsstrategie war in unseren Augen richtig, sie sollte ja auch dazu beitragen, dass die Münchner die Straßen verlassen und sich in gesicherte Unterkünfte bewegen.  Bei aller Unsicherheit und auch durch die starke Polizeipräsenz gelang es somit der Münchner Polizei, den Leuten eine große Sicherheit in einer wenig übersichtlichen Situation zu geben. Dazu trug auch der Polizeisprecher Marcus de Gloria Martins bei, der in den TV-Interviews in seiner Art wie in seinen Informationen völlig klar und souverän agierte. 

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Hilfe & Behinderung gleichzeitig

Er wiederholte auch bei „hartaberfair“ am Sonntag Abend, wie groß der Aufwand für die Polizei mit tausenden Anrufen zu möglichen weiteren Taten sei. Die Polizei wünsche sich, dass sich vor allem die Medien auf die Fakten der Polizei beziehen und nicht Vermutungen voneinander abschrieben. Dazu komme die Schwierigkeit, dass Fotos und Schilderungen von den Polizeieinsätzen im Social Web die Arbeit der Polizeikräfte am Tatort alles andere als vereinfachen würden. Am Abend verschickte die Polizei dann einen Link mit der Bitte an Nutzer, Fotos oder Videos an entsprechender Stelle für die weiteren Ermittlungen hochzuladen. Marcus de Gloria Martins verwies am Ende von hartaberfair darauf, dass das Internet in einer sehr dynamischen Sicherheitslage Risiko aber auch Chance sei.

Dies schätzen wir ebenso ein. Das Social Web ist Transporteur von Fehlinformationen ebenso wie von nützlichen Informationen – z.B. dass überhaupt eine Gefährdung vorliegt, zur Kleidung eines Täters, zum Aufenthaltsort. Die Polizei ist zu Teilen in der Situation, auf erst auf diese Hinweise hin reagieren und die Lage dann richtig einschätzen zu können. Somit können Social Media Nutzer für die Polizei auch echte Helfer sein. Dies vor allem auch in der Prävention. Immer wieder wird bekannt, dass Täter im Web Ankündigungen machen. Im Falle von München wurde nach jetzigen Erkenntnissen ein Fake Facebook Account genutzt, um fremde Nutzer zu einem McDonald’s Restaurant zu locken. Durch aufmerksame Nutzer können hier hilfreiche Hinweise gegeben werden – gleichzeitig steigt die Gefahr von öffentlichen Denunziationen und Fehlverdächtigungen.

Wie ist damit nun umzugehen?

 Ein How-to-Guide!

In unseren Augen braucht es einen von Politik und Polizeibehörden gemeinsam aufgesetzten Social Media Katalog für solche Fälle. Nutzer sind oft verunsichert und im Fall der Fälle hochemotionalisiert. Die meisten wollen helfen und nutzen dafür die für sie gewohnten schnellsten öffentlichen Kanäle Facebook und Twitter. Dabei entsteht wie oben beschrieben ein Wirrwarr aus richtigen und falschen Informationen. Die Medien übernehmen dies zu Teilen, weil andere gesicherte Informationen gar nicht vorliegen. Hier muss es das Ziel sein, Social Media Nutzer Hilfestellung für richtiges Verhalten zu geben. Dazu gehören Themen wie:

  • Allgemeine Sicherheitshinweise: (z.B. eigene Sicherheit geht vor Fotos, Was tun in der Nähe von Tätern etc.)
  • An wen wende ich mich bei Verdacht konkret? (Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Kontaktstellen, Ansprechpartner etc.)
  • Wo kann ich Bilder, Videos im Nachgang hochladen, um bei den Ermittlungen zu helfen?
  • Wo erfahre ich, was aktueller polizeilicher Stand ist?
  • Wer bzw. welches Gebiet ist betroffen?
  • Wo bewege ich mich hin? Wo ist es sicher?
  • Was sind wichtige bzw. hilfreiche Social Media Hinweise?
  • Verkehrssituation
  • etc.


Ein solcher Katalog müsste in unseren Augen in einer breit angelegten Kommunikationskampagne über die Massenmedien, aber auch die Betreiber der großen Netzwerke wie Facebook und Twitter erfolgen, um möglichst viele Nutzer direkt zu erreichen. Hier sollten Politik, Polizei, medien und Plattformen zusammen arbeiten. 
 

Ein solcher Guide mündet zudem am besten in einer dann für jedermann nutzbaren App als zentralem Einstieg auf dem Smartphone. In München wurde die App Katwarn rund um die Tat am 22. Juli genutzt, die eigentlich eher für Wetter- und Umweltthemen angelegt ist. Diese hatte letztlich eine Push-Funktion als digitaler geo-basierter Infokanal der Polizei. Im Sinne der oben genannten Punkte müsste dazu die gesamte Nutzerseite kommen.

Eine Selbstverpflichtung für die Medien

Einen mindestens so großen Anteil am öffentlichen Echo in sozialen Netzwerken haben die Massenmedien. Hier braucht es statt eines Guides vor allem eine übergreifende Selbstverpflichtung. Eine Art universellen Code of Conduct. Massenmedien leben im Gegensatz zu den Nutzern vom Nachrichtengeschäft. Terror, Amok & Co. sind Auflagen- bzw. Klick-Treiber. Gleichzeitig haben die Medien aber auch die Funktion, Informationsvermittler und kritischer Berichterstatter zu sein. Sie werden auch in den sozialen Medien gebraucht, weil sie am ehesten durch direkten Kontakt zu den Sicherheitsbehörden, Reporter vor Ort und weitere Zugänge einen anderen Informationsstand haben.

Aus all den Erfahrungen der letzten Geschehnisse scheint es aber notwendig, dass Medien sich auf einen ethischen und auch sicherheitstechnisch sinnvollen Umgang mit diesen Informationen verständigen. Dazu gehört die Frage, wann bzw. welche Bilder überhaupt veröffentlicht werden ebenso wie die Frage, ob bzw. wann und wie nicht-gesicherte Informationen überhaupt verbreitet werden.

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