Digital-Analyse Flüchtlings- und Einwanderungsdiskussion 2014-2015

Autoren: Lara Kobilke, Sandra Wagner, Ana Zhelyazkova, Philipp Hoffrichter

Seit Monaten ist die Flüchtlingssituation in Deutschland mediales Thema. In den letzten Wochen hat sich die Diskussion enorm verschärft, auch weil Deutschland ganz direkt und täglich von der Einwanderung betroffen ist. In der öffentlichen Auseinandersetzung sind zwei zentrale Lager zu sehen: Auf der einen Seite starke Kritiker und Ablehner von Zuwanderung. Auf der anderen Seite Befürworter. Die Tonart zwischen den Lagern hat sich zuletzt verschärft. Diese Verschärfung ist auch in Politik und Medien angekommen.

Das MUNICH DIGITAL INSTITUTE hat die Situation im Web analysiert, um die Stimmungslage sachlich einzuordnen. Wir wollten wissen, wie sich die mediale Themen über längere Zeit entwickelt haben, wie sich die Politik äußert, wie sich positive und negative Meinungsäußerungen zueinander verhalten und was Kampagnen bewirken. Dabei wurde der Großteil der Analyse aufwändig von Hand realisiert, um Themen, Tonalität und Sachlichkeit öffentlicher Äußerungen möglichst genau evaluieren zu können. 

Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Lara Kobilke, sowie Sandra Wagner, Ana Zhelyazkova und Philipp Hoffrichter für die tolle Arbeit. Dank auch für die Interviews an Klara Paul (Blogger für Flüchtlinge), Raphael Brinkert (Recht auf Menschenrecht) und Lutz Staacke (1000malwillkommen). Auffindbar oben über die gelbe Navigationsleiste bzw. weiter unten unter dem Analyse-Text.

Alle Ergebnisse in der grafischen Zusammenfassung zum Durchklicken

Zur Analyse im Detail. Betrachtet wurden vier Einzelfelder:

1. Die Unterstützung steigt: Im August 2015 waren 51 % der untersuchten Facebook-Kommentare unter medialen Angeboten als klar Pro-Zuwanderung zuzuordnen. 4% als klar negativ. (Jahresschnitt 2015: 36 % klar positiv vs. 7 % klar negativ)

2. Der öffentlich sichtbare Anteil vulgärer, aggressiver Kommentare liegt konstant unter 10 %. (gelöschte Kommentare sind nicht berücksichtigt). Die Summe aus sichtbaren neutralen, informellen und sachlichen Kommentaren liegt somit durchweg über 90 %.  

3. Die politischen Parteien kommunizieren verstärkt auf Twitter. Dabei überwiegen die Pro-Argumente in der Gesamtheit des pol. Spektrums. Das stärkste Einzelargument aber ist ein Contra-Argument, das besonders stark von der CSU, aber auch von CDU und AfD angeführt wird: Die Nicht-Aufnahme von Wirtschaftsflüchtlingen. Die CSU ist generell die Partei, die mit großem Abstand am meisten auf Twitter kommuniziert, sowohl mit Pro- als auch mit Contra-Argumenten.

4. Digitale Unterstützer-Kampagnen haben große Wirkung. Klar positive Äußerungen nehmen im Social Web immer dann signifikant zu, wenn Kampagnen zur Unterstützung auffordern. Dabei erzielen Personen des öffentlichen Lebens besonders große Wirkung

5. Beschimpfungen durch Unterstützer befeuern vulgäre Diskussionen. Die Sprache unter dem Joko & Klaas Video auf Facebook war wesentlich aggressiver als unter dem Video von Anja Reschke.

Themenentwicklung 2014-2015

Wie umgehen mit den Bildern des unsäglichen Leids, das wohl kaum ein deutscher Bürger in all seiner Wucht erfassen kann? Wie den Ängsten und Sorgen der eigenen Bürger gerecht werden? Und wie gleichermaßen Raum bieten für jene, die kommen, und jene, die Angst haben vor dem, was kommt?

Angesichts der PEGIDA-Proteste auf der einen Seite, angesichts der tausenden Todesopfer auf der anderen, begleiteten diese Fragen jede journalistische Tätigkeit zur Flüchtlingsdebatte der vergangenen Monate. Das MUNICH DIGITAL INSTITUTE hat in diesem Abschnitt eine Stichprobe aus den Artikeln großer redaktioneller Online-Medien gezogen, die zwischen August 2014 und Juli 2015 erschienen sind. Dieser Teil der Analyse antwortet demnach auf die Frage: Welche Themen der Flüchtlingsdebatte beschäftigten die Journalisten und somit auch die deutsche Bevölkerung in den letzten 12 Monaten?

Das mit Abstand wichtigste Thema über das vergangene Jahr hinweg ist die Diskussion über Asylpolitik. Kritische Aussagen über bestehende bzw. fehlende Gesetze, Quotenregelungen und Hilfeleistungen dominieren die Berichterstattung so sehr, dass selbst Nachrichten über Mittelmeerüberquerungen und über die Ankunft weiterer Flüchtlinge in Deutschland und Europa dagegen nur etwa 2/3 dieses Volumens erreichen.

Der erste Themenshift innerhalb der Berichterstattung fand im Dezember und Januar 14/15 statt. Zur Zeit der PEGIDA-Proteste dominierten auch Themen rund um „Proteste und Ausschreitungen“ die Nachrichten. Doch schon ab Februar bestand kein Interesse oder auch kein Anlass seitens der Medien mehr, über die PEGIDA-Bewegung zu berichten. So fanden ab Februar erste, noch vereinzelte Berichte über Schiffsunglücke auf dem Mittelmeer Eingang in die Berichterstattung, was den Blick weg von PEGIDA und über die eigenen Landesgrenzen hinaus lenkte. Zwischen März und April 2015 wurden dann verstärkt Mittelmeerüberquerungen von der Berichterstattung aufgegriffen, als sich die großen, tragischen Schiffsunglücke vor Lampedusa ereigneten. Zu diesen Zeitpunkten überschattete die Anteilnahme am menschlichen Unglück, das sich tagtäglich auf dem Mittelmeer abspielt, sogar die Debatte über bestehende Regelungen und mögliche, europaweite Quoten.

Die Ankunft weiterer Flüchtlinge in der EU, vor allem aber nun auch direkt in Deutschland, wird seither von den Medien aufmerksam verfolgt. Wie mit den Flüchtlingen in Deutschland umgegangen wird und wie mit ihnen umgegangen werden sollte, wurde die wichtigste Frage im Juni und Juli 2015. Die Berichterstattung über die Unterbringung von Flüchtlingen und welche Lösungen die Politik hierbei anstreben könnte, gewann rapide an Relevanz. Zeitgleich wurde verstärkt über Flüchtlingsinitiativen berichtet und beleuchtet, auf welche Weise deutsche Bürger zu helfen versuchen.

Straftaten von Flüchtlingen nehmen dagegen ganz allgemein keinen Raum in den Medien ein und auch über die entstandenen finanziellen Belastungen für EU, Bund und Länder wird nur selten kommuniziert. Womöglich fehlt es bei letztgenannten Themen an dem notwendigen, faktischen Input seitens der Politik, die sich – wie im nächsten Abschnitt beleuchtet – bisher nur verhalten zur Flüchtlingsdebatte äußert. Doch auch Einzelschicksale von Flüchtlingen, deren Meinungen und Erlebnisse, wurden und werden bisher nur vereinzelt beleuchtet. Dies wäre wichtig, um jene, die leiden, nicht nur zum Objekt der Berichterstattung zu machen, sondern ihnen selbst ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Seit Juli 2015 bemühen sich Reporter verstärkt um eine solche integrative Berichterstattung.

Festzuhalten bleibt: Die Flüchtlingsdebatte ist vielschichtig. Die einzelnen Themen des vergangenen Jahres und ihre Entwicklung können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Denn das Themenwachstum verläuft über alle Themen hinweg mit ausgeprägter Kontinuität und Parallelität: Vermehrt sich die Berichterstattung zu einem Thema, so wird auch verstärkt über alle weiteren Themen berichtet. Das hat auch seine Schattenseiten zur Folge: Wenn in einem Monat weniger über Flüchtlinge berichtet wird – wie z.B. im März und Mai geschehen –, so nimmt die Debatte über alle Themen hinweg rapide ab, unabhängig der Relevanz der Themen. Das Leid neunankommender, aber auch bereits eingetroffener Flüchtlinge wird so leicht verdrängt.

Parteien & Regierung

Die Bekämpfung der Ursachen von Vertreibungen und Abwanderungen aus den von Krieg und Armut betroffenen Regionen wird eine der großen politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Neben diesen Regelungen muss die Politik auch eine Antwort auf die Frage finden, wie mit jenen Menschen umgegangen werden soll, die in Deutschland Schutz und die Hoffnung auf ein besseres Leben suchen.

Für die Parteien ist dies eine Möglichkeit, eigene Programme zu entwickeln, Position zu beziehen und potenzielle Neuwähler zu erreichen. Neben der klassischen Verbreitung von Botschaften über die Massenmedien spielt vermehrt das Social Web eine elementare Rolle: Politiker und Parteien können in den sozialen Medien ihre Botschaften ohne Filterung durch journalistische Gatekeeper vermitteln und so die Deutungshoheit über ihre Botschaften behalten.

Wie in der Politik üblich, ist das Medium der Wahl zu diesem Zweck Twitter, da über diesen Kanal sowohl potenzielle Wähler als auch Massenmedien und Blogger erreicht werden können. Entsprechend hat kaum eine Partei im vergangenen Jahr weniger als 30 Tweets zur Flüchtlingsdebatte veröffentlicht. Spitzenreiter ist die CSU mit 123 Tweets. Das Potenzial von Facebook wird dagegen bisher von kaum einer der großen Parteien für eine effektive Auseinandersetzung mit dem Thema Asyl genutzt. Über das letzte Jahr verteilt (Aug 2014 bis Jul 2015) sind über beinahe alle Parteien hinweg nur etwa zehn Facebook-Beiträge pro Partei zur Flüchtlingsdebatte veröffentlicht worden. Eine tiefgründige Darstellung der eigenen Position für Wähler und Interessierte erfolgt demnach auf dieser Plattform nicht. Allein SPD und AfD setzen sich auf Facebook mit der Flüchtlingsdebatte auseinander: Mit 57 Posts setzt sich die SPD pro Flüchtlinge ein, während die AfD mit 30 Posts auf die negativen Konsequenzen großer Einwanderungsbewegungen aufmerksam macht.

Das hat für die Parteien strategische Vor- und Nachteile: Einerseits ist Facebook eine besonders geeignete Plattform, um direkten Kontakt zu den (potenziellen Neu-)Wählern herzustellen, Gatekeeper zu umgehen und sich basisdemokratisch auszutauschen. Andererseits können die Parteien durch die Verlagerung der Flüchtlingsdebatte hinüber zu Twitter den Aufwand vermeiden, auf Facebook aktives Community Management betreiben zu müssen. So bleibt die Aufgabe, Kommentare auf strafrechtlich verfolgbare Inhalte zu prüfen und Shitstorms entgegenzutreten, zuletzt jenen Journalisten und Bloggern überlassen, welche die Aussagen politischer Akteure in Berichten zitieren.

 

Der Löwenanteil aller  Social-Media-Botschaften der Parteien enthält Pro-Argumente für die Aufnahme von Flüchtlingen: 70 % aller Beiträge und Tweets auf den Social-Media-Präsenzen der Parteien und der Bundesregierung äußern sich positiv über die Ankunft und Integration von Flüchtlingen. Überhaupt beschäftigen sich nur drei Parteien mit asylkritischen Argumenten: CSU, AfD und – zu sehr geringen Anteilen – CDU. Die Bundesregierung sowie die verbleibenden vier Parteien – DIE LINKE, SPD, GRÜNE und FDP – argumentieren in ihren Social Media Kanälen ausschließlich für die Aufnahme von Flüchtlingen.

Das wichtigste Pro-Argument der Flüchtlingsdebatte, das über alle politischen Parteien hinweg verwendet wird – einzige Ausnahme stellt die AfD auf Twitter dar –, ist die humanitäre Verpflichtung, Solidarität mit politisch, religiös und/oder ethnisch verfolgten Minderheiten zu beweisen. Dieser Aufruf zur Solidarität ist in jedem fünften Tweet und in ca. jedem dritten Facebook-Post der Parteien enthalten.  Der Aufruf zur Solidarität wird oftmals argumentativ an die Forderung geknüpft, die elementaren Menschenrechte zu schützen, wie es auch Art. 1 GG und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union verlangen. Jeder siebte Tweet der Parteien und jeder dritte Facebook-Beitrag nimmt somit Bezug auf die Wahrung der Menschenrechte.

Dabei besetzt jede Partei ein eigenes Steckenpferd, mit dem sie um Verständnis für Flüchtlinge wirbt: Während die DIE LINKE beispielsweise großen Wert auf ein friedliches Miteinander legt und darauf, dass Flüchtlinge nicht aufgrund von Vorurteilen als Kriminelle diffamiert werden, setzt sich DIE GRÜNEN für die Wahrung der Menschenrechte und die Akzeptanz von Wirtschaftsflüchtlingen ein. SPD und CDU kommunizieren ähnliche Argumente: Beide Parteien verweisen auf die Vorteile einer multikulturellen Gesellschaft und die Notwendigkeit von solidarischem Handeln. Und auch die CSU setzt sich, wie ihre Schwesterpartei, für Solidarität mit Flüchtlingen ein, unterscheidet hier aber ganz klar zwischen politisch Verfolgten und Wirtschaftsflüchtlingen. Eine deutlich andere Perspektive besitzt dagegen die FDP, welche einen ökonomischen Blickwinkel einnimmt und in Richtung vorteilhafter, neuer Arbeitskräfte argumentiert, die auf diese Weise nach Deutschland strömen.

Aspekte der Bildungspolitik werden komplett ausgeblendet, es findet sich hierzu auf Twitter über ein Jahr nicht ein Beitrag!

All diesen Pro-Argumenten wird vor allem ein Contra-Argument durch CSU und AfD entgegengehalten: In jedem fünften Tweet  und in jedem zehnten Facebook-Post wird betont, dass Wirtschaftsflüchtlingen derzeit keine Aufnahme in Deutschland zugestanden werden kann. Das Contra-Argument Wirtschaftsflucht ist demnach auch auf Twitter zum wichtigsten Argument der Flüchtlingsdebatte avanciert, während es auf Facebook nur Platz 4 erreicht. Dort dominieren ausschließlich Pro-Argumente die Flüchtlingsdebatte. Welche herausragende Bedeutung Wirtschaftsflüchtlinge für die Argumentation CSU und AfD einnehmen, lässt sich auch daran erkennen, dass dieses Contra-Argument fünf mal häufiger angesprochen wird als das zweitwichtigste: dass die große Zahl an Flüchtlingen eine potenzielle ökonomische Gefahr für Deutschland darstellt. Die Kritik an der derzeitigen Asylpolitik durch CSU und AfD richtet sich demnach nicht primär gegen das Asylrecht als solches, sondern gegen Personen, die aus ökonomischen Gründen in Deutschland Asyl zu beantragen versuchen.

Auffällig ist dabei, dass die CDU ihrer Schwesterpartei CSU das Argumentationsfeld Wirtschaftsflucht fast vollständig überlässt. Die CDU besetzt das Thema Wirtschaftsflucht zwar, jedoch kaum mit nennenswerter Beitragszahl. Entsprechend postet auch der Pressesprecher der Bundesregierung eher entlang eines CDU/SPD-Konsens als entlang eines CDU/CSU-Konsens. Der relevanteste Post der Bundesregierung, der ein sehr sachliches Bild auf die Flüchtlingsdebatte wirft, wurde am 19.08.2015 veröffentlicht und erreichte knapp 9.000 Shares und 17.500 Likes: https://www.facebook.com/Bundesregierung/posts/884825834942487

Tonalität & Sachlichkeit

Die Analyse der Tonalität unter Medienbeiträgen zur Flüchtlingsthematik zeigt ein überraschendes Ergebnis:. Der Tenor in den sozialen Medien ist positiver als allgemein angenommen. Tatsächlich überwiegen auf den Facebook-Seiten der untersuchten Medien die positiven Beiträge und machen im Schnitt 1/3 der Kommentare aus. Sie bekunden Solidarität, sprechen sich für mehr Menschlichkeit aus, verweisen auf die Menschenrechte etc. Dieses Ergebnis lässt sich über den gesamten betrachteten Zeitraum von Dezember 2014 bis August 2015 nachverfolgen. Lediglich einmal sinkt die Anzahl positiver Beiträge auf das Niveau der negativen. Zu keinem Zeitraum liegt sie darunter. 

Betrachtet man die Tonalität über den gesamten Zeitraum von Dezember 2014 bis August 2015, wird deutlich, dass die negative Tonalität sehr konstant bleibt (zwischen 7% und 13% der Beiträge). Die Anzahl der Beiträge mit positiver Tonalität ist dagegen sehr sprunghaft (zwischen 10% und 67% der Beiträge). Hinweis auf die Ursache kann ein Blick auf die Themengestaltung in den Medien geben. Beiträge mit positiver Tonalität fallen zumeist auf Zeiten, in denen vermehrt über Flüchtlingskatastrophen oder Proteste gegen Flüchtlinge berichtet wird. Die negative Tonalität bleibt von den Themen der Medienbeiträge weitestgehend unberührt.

Positive Äußerungen zur Flüchtlingsdiskussion scheinen eher an einen konkreten Anlass gebunden bzw. werden eher von durch einen solchen hervorgerufen als kritische Äußerungen. Das mag zunächst unbefriedigend klingen, birgt aber insbesondere für aufklärende Online-Kampagnen eine echte Chance auf Reichweite und Verteilung (siehe auch den nächsten Abschnitt). 

 

 

Bei der Analyse der Sachlichkeit, also der sprachlichen Äußerungen in Facebook-Kommentaren, zeigt sich ein ähnlich überraschendes Bild. Vulgäre Äußerungen – bspw. Fäkalsprache und/oder starke Beleidigungen – finden sich im Schnitt lediglich in 2% der Beiträge. Dem gegenüber stehen die auch eher selten zu sehenden sachlichen Beiträge. Diese beinhalten eine tiefergehende Argumentation mit Hinweisen auf weiterführende Literatur, Seiten der Bundesregierung o.ä. Auch sie machen im Schnitt nur ca. 4% der monatlichen Beiträge aus. Die Beiträge, die mit Abstand überwiegen, sind sprachlich neutraler oder zumindest informeller Art. Es handelt sich um Alltagssprache, die, wenn überhaupt, nur leichte Kraftausdrücke beinhaltet.

Im Ergebnis sieht man, dass die Kommentarkultur unter den Beiträgen der großen Tageszeitungen auf Facebook positiver und sprachlich gemäßigter ist als man es aufgrund derzeitiger Berichterstattung erwarten würde. Sowohl bei der „Tonalität“ als auch bei der „Sachlichkeit“ muss man aber bedenken, dass die Medien Kommentare, die gegen die Netiquette verstoßen, inzwischen rigoros löschen. Das hat zur Folge, dass man, insbesondere bei einer händischen Sentiment-Analyse wie hier, viele Äußerungen ex post nicht mehr in der Analyse erfassen kann. Das macht insbesondere eine Quantifizierung von „Hate Speech“-Kommentaren schwierig.

Der Anteil dier gelöschten Kommentare ist gemäß unseren Gesprächen mit einigen Community Managern auch gestiegen. Allerdings lassen sich diese Kommentare thematisch nur schwer eingrenzen. Sie sind weder in jedem Falle rassistisch noch in jedem Falle contra Einwanderung. Der Anteil von Beschimpfungen steigt einfach. Letztlich haben die Löschkommentare in unserer Analyse aber nur eine Relevanz für das Thema Sachlichkeit, weniger für die Frage nach Pro- oder Contra-Tonalität.  

Der Problematik sind wir uns hier im Institut dennoch bewusst. Da wir die verschiedenen Seiten nicht in Echtzeit analysieren können, müssen wir uns anderweitig behelfen. Wir haben daher eine Google-Umfrage erstellt und bitten Seiten-Admins und Community Manager, uns einige Fragen zur Löschung von Kommentaren zu beantworten. Die Ergebnisse dieser Umfrage reichen wir innerhalb der nächsten drei Wochen nach.

Wirkung von Kampagnen

Anja Reschke, Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umauf. Diese Namen waren im August in der Flüchtlingsdebatte besonders präsent. Sie bezogen in Videos mit klaren Worten Stellung gegen Rassisten, Flüchtlingsgegner und die Hetze im Internet und riefen Zuschauer und Fans dazu auf, sich solidarisch zu zeigen und stark zu machen. Wir haben die Kommentare unter dem Kommentar von Anja Reschke (auf der Facebook-Seite von Panorama) und dem Beitrag zum Video „Das wird man wohl noch sagen dürfen #mundaufmachen“ auf der Facebook-Seite von „Joko & Klaas“ analysiert. Ziel war es zu ergründen, wie sich die Kommentarkultur im Vergleich zu der eher neutralen unter redaktionellen Beiträgen verhält und welche Chancen in Aufklärungskampagnen liegen.

Anja Reschkes „Kommentar zur Hetze gegen Ausländer im Internet“ lief am 5. August nach den Tagesthemen und wurde am 6. August nochmals auf der Facebook-Seite des Magazins „Panorama“ geteilt. Seit dem erhielt der Beitrag mehr als 141.633 Likes, wurde mehr als 134.636 mal geteilt und über 6.250 mal kommentiert

Vergleicht man die Tonalität unter dem Kommentar von Anja Reschke, wird deutlich, dass diese sich vom Durchschnitt unter den Beiträgen der redaktionellen Online-Medien unterscheidet. Die Anzahl der positiven Beiträge liegt hier mit 52% gut 16% über dem Durchschnitt der zuvor betrachteten Medienbeiträge. Aber auch die negativen Beiträge liegen 7% über dem Durchschnitt und auch die ambivalenten Beiträge übersteigen diesen bei weitem. Daraus lassen sich vor allem zwei Erkenntnisse ziehen:
 

  1. „Kontroverse“ Beiträge bzw. Beiträge mit einem starken Aufforderungscharakter, steigern, anders als „neutrale“ Beiträge, auch die negative Tonalität. Die Ursache ist in diesem Fall wahrscheinlich einerseits in der klaren Stellungnahme zu suchen, aber auch in einer bewussten Provokation.
  2. Viel wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass positive Reaktionen stärker durch solch konkrete Anlässe beeinflusst werden als negative.

Die Sachlichkeitsanalyse zu den Beiträgen unter dem Reschke-Kommentar zeigt interessanterweise nur minimale Abweichungen vom durchschnittlichen Sprachgebrauch unter den redaktionellen Beiträgen. Mit 3% über dem Durchschnitt haben die sachlichen Beiträge den größten „Schub“ erhalten. 

Das Video von Joko und Klaas im Vergleich zum Reschke-Kommentar zeigt ein ganz ähnliches Bild. Hier liegt die positive Tonalität beinahe doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der redaktionellen Beiträge. Der Unterschied zum Kommentar von Anja Reschke ist in der viel größeren Fan-Base zu suchen, die Joko und Klaas als Personen der Unterhaltungsindustrie haben. Die Anzahl der negativen und der ambivalenten Beiträge dagegen liegt genau auf dem Niveau der Beiträge unter dem Kommentar von Anja Reschke.

Bei der Analyse der Beiträge auf der Facebook-Seite von Joko und Klaas stach eine Eigenheit der dortigen ambivalenten Kommentare hervor, die sich jedoch nur schwer quantifizieren und qualifizieren lässt: Die ambivalenten Kommentare kritisieren den Beitrag von Joko und Klaas häufig für seine Undifferenziertheit und fordern mehr Aufklärungsarbeit ein. Sowohl seitens der beiden Entertainer aber auch seitens der Politik.

Bei der Sachlichkeit zeigt sich im Vergleich zu den Beiträgen unter dem Panorama-Post zu Anja Reschkes Kommentar ein deutlicher Unterschied. Unter dem Beitrag von Joko und Klaas lassen sich mit 21% fast vier mal so viele vulgäre Beiträge finden. Sachliche Beiträge gibt es dagegen mit 2% kaum. Die Ursache hierfür liegt vermutlich in der Ansprache der beiden Entertainer, die selbst ziemlich vulgär ist. Die Art der Sprache sorgt dafür, dass Gegner - aber auch Befürworter - auf eine ähnliche Art und Weise kommunizieren.

Im letzten Teil dieses Abschnitts soll es noch um die Aufmerksamkeit der Internetnutzer gehen, die sie solch viralen Videos aber auch Kampagnen leihen. Dabei spielt unter anderem die Wahl eines passenden Hashtags eine nicht zu unterschätzende Rolle. Anja Reschkes Kommentar enthielt keinen Hinweis auf einen bestimmten Hashtag unter dem die Zuschauer diskutieren konnten. Als Reaktion „erfanden“ Nutzer auf Twitter so verschiedene Hashtags. Dabei wurde vereinzelt schon #mundaufmachen, aber auch #reschke verwendet. Anhand des Verlaufs der Tonalität unter #reschke sieht man, dass diese schnell ins Negative umschlagen kann. Vier Tage nach ihrem Kommentar sagte Anja Reschke in einem Interview mit dem Tagesspiegel, dass sie selbst das Gefühl habe, die Stimmung schlage wieder um. Der Blick auf die Tonalität bestätigt diesen Eindruck.

Zwar hat sich gezeigt, dass sich die Nutzer vermehrt zu positiven Äußerungen animieren lassen, da #reschke aber nie offiziell kommuniziert wurde, lassen sich die positiven Äußerungen nicht bündeln. Sie verteilen sich vielmehr auf viele weitere Hashtags oder verlieren sich komplett, da gar kein Hashtag verwendet wird.

Hashtags können außerdem dazu beitragen, dass ein Thema über einen längeren Zeitraum Zulauf bekommt. Dies ist allerdings eine Herausforderung, die sich gerade für Online-Kampagnen als schwierig erweisen kann. Zeigen lässt sich das über den Traffic, den #mundaufmachen (der Hashtag, der offiziell im Titel des Videos von Joko und Klaas zu finden ist) im Internet erhält oder vielmehr erhielt.

Es zeigt sich, dass schon nach kurzer Zeit, in diesem Fall zwei Tagen, der Zulauf rapide abnimmt. Und dass, obwohl das Video von Joko und Klaas vom Start weg eine enorme Reichweite hatte. Andere Initiativen schaffen es dagegen eine relativ konstante Nutzung ihres Hashtags zu erreichen und so die positiven Beiträge zu bündeln. #1000malwillkommen ist dafür ein schönes Beispiel, auch wenn die Reichweite nicht an die der zwei Entertainer heranreicht.

Inhaltlich sind Kampagnen mit emotionalen Inhalten in den sozialen Medien meist die erfolgreichsten. Ein bekannter Effekt. Das Video von Thomas Huch, mit inzwischen über 6,5 Millionen Aufrufen, ist dafür ein perfektes Beispiel. Mit drastischen Bildern wird gezeigt, welchem Leid Flüchtlinge in ihren Heimatländern ausgesetzt sind; zwischendurch werden Beiträge von rassistischen und menschenverachtenden Facebook-Posts eingeblendet. Ein Beispiel für positives Emotionen dagegen ist das Interview mit Rapper Fard zur Flüchtlingsdebatte, bei dem ein kleiner Junge gefragt wird, ob es auch Ausländer in seinem Kindergarten gibt. Die Antwort: „Nein, da gibt es Kinder.“ Dies wurde von vielen als die beste Antwort auf fremdenfeindliche Beiträge gesehen. Entsprechend oft wurde das Video auch gesehen und geteilt. Mittlerweile hat es beinahe 2,5 Millionen Aufrufe.

Diese Beispiele - aber auch die Betrachtung insgesamt - zeigen, dass es gerade für aufklärende Online-Kampagnen ein erstaunliches Potential gibt. Durch entsprechende Beiträge lassen sich die positiven Kommentare, Tweets etc. und damit das Stimmungsbild enorm steigern. Dafür braucht es aber eine entsprechende Kanalisierung z.B. in Form eines Hashtags. Dies kann vor allem wirksam sein, wenn sich verschiedene Initiativen auf einen Hashtag verständigen. Wenn dieser dann noch ein eigenes Statement oder eine Aufforderung beinhaltet, besteht die Chance, dass er sogar zu einem Symbol wird. Der Hashtag #refugeeswelcome ist ein gutes Beispiel für eine kampagnenübergreifende Verwendung. Ein solcher Hashtag lässt sich z.B. auch in einer Plakatkampagne verwenden und ermöglicht so eine breite Streuung in Online- und Offline-Medien.

Fazit

Die in den letzten Wochen von den Massenmedien aufgegriffene Hetzstimmung in sozialen Netzwerken ist in der beschriebenen Wucht nicht erkennbar. Insgesamt ist festzustellen, dass positive und neutrale Kommentare zur Aufnahme von Flüchtlingen überwiegen. Es ist über die letzten Monate auch keine signifikante Veränderung dieser Verteilung zu erkennen. Im Gegenteil, Kommentare Pro-Asyl stiegen im August auf über 50 %. In der Öffentlichkeit entsteht aktuell in gewisser Weise ein Zerrbild, da die Massenmedien hetzerische Kommentare, die die klare Minderheit bilden, zum Teil als repräsentatives Stimmungsbild weitergeben.

Die Parteien scheinen ihrer Linie treu zu bleiben, über Twitter ihre Botschaften an die Massenmedien zu kommunizieren. Möglicherweise gehen sie auch bewusst den kontroversen Kommentaren auf Facebook aus dem Wege. Festzuhalten bleibt, dass die Parteien und auch die Bundesregierung die Chance zum Direktaustausch mit dem Wähler über Facebook kaum nutzen. Rein inhaltlich kommunizieren außer der AfD und der CSU alle großen Parteien vorwiegend oder ausschließlich pro Zuwanderung. Interessant ist, dass aus der Regierung die CSU die Partei ist, die verstärkt gegen die Zuwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen argumentiert. Bei der CDU finden sich solche Argumente so gut wie nicht – eine durchaus interessante wenn auch vielleicht nicht überraschende Erkenntnis mit Blick auf die Union.

Wann immer Initiativen aktiviert werden, ist eine deutliche Zunahme der positiven Stimmungen im Social Web feststellbar, auch wenn diese von eher kurzer Dauer sind. Die negativen Stimmungen verbleiben dabei auf einem konstant niedrigen Niveau. Heißt: Viele Kampagnen helfen auch viel, die Stimmung im Web positiv zu färben. Sie müssen allerdings immer wieder neu aktiviert werden. Prominente erzielen hier besondere Wirkung, auch weil sie mit ihren Aktionen schnell den Weg in die Massenmedien finden und somit Reichweite generieren.


Aus unserer Sicht ergeben sich daraus folgende zentrale Aufgabenstellungen:
 

  1. Initiativen für eine Willkommenskultur und gegen radikale bzw. hetzerische Äußerungen, die möglicherweise vom Social Web in die Realität schwappen, sind wirkungsvoll. Die Mehrheit der Nutzer in den sozialen Netzwerken äußert sich positiv oder sachlich neutral. Dies muss als gute Basis gesehen werden, wenn es darum geht, ausländerfeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken.
     
  2. Von politischer Seite ist die klare Positionierung gegen Ausländerfeindlichkeit und der Verweis auf Menschlichkeit und Solidarität zu wenig. Die Menschen sind interessiert an sachlichen Argumenten, man liest an vielen Stellen Fragen zu den Konsequenzen der Zuwanderung. Vermisst werden programmatische Antworten auf die aktuelle Situation. Es ist Aufgabe der Parteien und politischen Institutionen, diese Antworten zu geben. Stand heute sind sie bis auf wenige Ausnahmen nicht Teil der Digital-Kommunikation der Parteien.
     
  3. Kommunikations-taktisch erscheint insgesamt folgendes Vorgehen sinnvoll: Platzierung emotionaler, visueller Inhalte im Social Web, die auf die Betroffenheit der Nutzer setzen. Zusätzlich Nutzung der Populärität und des Personalisierungsgrades im Social Web über Prominente. Diese können auch anders als Parteien in einer auf das Social Web zugeschnittenen Art und Weise kommunizieren und finden schnell den Weg in die Massenmedien. Von Beschimpfungen der "Asylgegner" ist allerdings abzuraten, um die Aggressionen im Web nicht zusätzlich anzufachen. Aktuell ist ein zusätzlicher PR-Effekt erkennbar, der Unternehmen, Marken und Institutionen zusehends ermuntert, eigene Initiativen zu starten. Aktuellstes Beispiel ist die #stehtauf Kampagne von Schalke 04.
     
  4. Parallel Vermittlung politischer Sachargumente und Unterstützungsaktionen an die Massenmedien (z.B. über Twitter), die darüber zusätzlich den reichweitenstarken Weg zurück ins Social Web finden (vor allem Facebook).


Die deutschen Webnutzer sind mehrheitlich positiv oder zumindest sachlich gegenüber der Zuwanderung eingestellt. Diese Stimmung muss genutzt werden, um der radikalen Minderheit deutlich zu machen, dass sie genau das ist: Die Minderheit. Grundsätzlich glauben wir, dass die emotionale Betonung von Flüchtlings-Schicksalen auf der einen, Darstellung von Unterstützung und Hilfe auf der anderen Seite, mehr Erfolg verspricht als ein verbales Wettrüsten. Es ist Aufgabe von Staat und Justiz, die fremdenfeindlichen Aktionen zu stoppen und zu sanktionieren. Ebenso können Community Management und die Regeln in sozialen Netzwerken helfen, hetzerischen Kommentaren keinen Raum zu geben. Es wird in den kommenden Monaten wichtig sein, mit den Menschen in Deutschland zu den Sachfragen und Konsequenzen der Zuwanderung in Dialog zu kommen.


Wir hoffen, dass wir mit dieser Analyse unseren Teil dazu beitragen können. 

Um die Anzahl rassistischer Posts auf Facebook besser einordnen zu können, bitten wir Admins und Community-Manager von Facebook-Seiten, an unserer kleinen Umfrage teilzunehmen: zur Umfrage


Medienresonanz (wird aktualisiert):

Werben & Verkaufen: Flüchtlingskampagnen steigern Polarität in sozialen Netzwerken
Nordbayerischer Kurier: Kommentar(un)kultur im Netz 
DRadio Wissen: Netzdebatte: Emotional, Pro Flüchtlinge
Neues Deutschland: Hetze in Sicht?

Interviews mit Initiatoren digitaler Unterstützer-Kampagnen

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