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Vorbemerkung

Dieser Analyse stellen wir als MUNICH DIGITAL INSTITUTE folgendes vorweg:

Unsere Gedanken und unser Mitgefühl waren und sind bei dieser Geschichte immer mit den Opfern und ihren Angehörigen. Wir haben uns entschieden, den Absturz der Germanwings Maschine analytisch anzugehen, weil die Unfassbarkeit uns über viele Tage gezeigt hat, wie sehr alle mit der Wucht  des Ereignisses zu kämpfen haben. Um das Unglück des Absturzes analytisch darzustellen, ist es unumgänglich, auch den Namen des Co-Piloten zu erwähnen. Wir werden hier keine Wertung vornehmen, sondern haben versucht zu ergründen, was sich in der Öffentlichkeit verändert hat, woran man es bei diesem Unglück festmachen kann und was vor allem Journalisten zum Umgang der Medien mit diesem Thema zu sagen haben. 

Unser Check beleuchtet im Kern 4 Einzelfelder:

Hinweis: Bitte lesen Sie auf dem Desktop die Analyse zunächst links von oben nach unten und dann wieder rechts oben beginnend, damit die Reihenfolge stimmt. Mobil werden die Inhalte automatisch richtig sortiert. 

Take Aways

Ausrufezeichen

1. Die Suchvolumina um große Unglücks-Ereignisse haben sich in den letzten 5 Jahren drastisch erhöht.

2. Beim Amoklauf in Winnenden 2009 spielte der Tätername kaum eine Rolle. 2015 beim Absturz von Germanwings ist er wichtiger als das Ereignis selbst.

3. Die Berichterstattung der großen Tageszeitungen wird im Social Web auffallend negativ kommentiert.

4. Die Medienkritik in den sozialen Netzwerken steht im Widerspruch zu den Suchvolumina in den großen Suchmaschinen.

Entwicklung der Suchvolumina

Das Informationsbedürfnis der deutschen Bürger hat sich in den letzten 5 Jahren stark gewandelt. Die User tendieren heute merklich stärker dazu, ihre Informationen und Informationsquellen durch Suchmaschinen selbst zusammenzustellen. Betrachtet man vergleichbare traumatisierende und für die Allgemeinheit relevante Ereignisse wie den Amoklauf in Winnenden 2009 und den aktuellen Flugzeugabsturz von Germanwings, so zeigt sich, dass das Suchvolumen in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen ist. 2015 werden 1,5 mal mehr Suchanfragen zu der Germanwings-Katastrophe gestellt als noch 2009 zum Winnenden-Amoklauf. 

Gleichzeitig werden durch die verstärkte Suchmaschinennutzung private Daten wesentlich schneller einer breiten Öffentlichkeit zugänglich als noch vor 5 Jahren. Die Folge ist ein Personalisierungstrend: Als am 26.3.2015 erstmals der Name des Germanwings-Co-Piloten veröffentlicht wurde, entflammte im Netz ein mehr als doppelt so großes Interesse am Namen des Co-Piloten als am Flugzeugabsturz selbst. ‚Andreas Lubitz‘ wurde ca. 2,5 mal häufiger gegoogelt als das Ereignis. Auch der persönlichkeitsschützende Suchbegriff 'Co-Pilot‘ erhielt kaum mehr Aufmerksamkeit: Auf 100 Google-Abfragen, die den konkreten Namen des Co-Piloten suchten, kamen nur 13 Suchanfragen nach dem allgemeineren Begriff ‚Co-Pilot‘.  Diese Suchtrends setzten sich auch die nächsten drei Tage beinahe unverändert fort. Erst ab dem 29.03. glichen sich die Suchvolumina der drei Begriffe merklich an.

Dass die Ausmaße der Personalisierung erst in den letzten 5 Jahren so stark zugenommen haben, zeigt ein erneuter Vergleich der aktuellen Suchvolumina beim Germanwings-Absturz im Vergleich zum Winnenden-Unglück:

Während noch vor 5 Jahren etwa fünf mal häufiger nach dem Ereignis (Amoklauf von Winnenden) gesucht wurde als nach der Person des Täters, hat sich dieser Trend 2015 ins Gegenteil verkehrt und es wird stattdessen ca. 2,5 mal so häufig nach der Person des "Täters" gegoogelt als nach dem Ereignis (Flugzeugsabsturz) selbst.

Zusammenfassung: Anhand der hohen emotionalen Geladenheit des Themas in Verbindung mit der in den letzten 5 Jahren gewachsenen Fokussierung auf die Person des vermeintlichen Täters kann erklärt werden, weshalb gerade bei diesem Unglück die Leserschaft aufgeregt auf Namens- und Fotoveröffentlichungen des Co-Piloten reagierte. Das Risiko, dass eine Veröffentlichung von Namen und Fotos eine öffentliche Vorverurteilung eines wohlmöglich Unschuldigen auslöst, ist in den letzten fünf Jahren drastisch gestiegen. Solch öffentliche Vorverurteilungen wiederum haben statistisch signifikanten Einfluss auf den Ermittlungsfortschritt und auf nachfolgende Gerichtsprozesse. (Siehe dazu auch folgende Studie: Kepplinger & Zerback: Der Einfluss der Medien auf Richter und Staatsanwälte, PUB (2009) 54: 216–239.).

Suchbegriffe in 7 Tagen nach dem Absturz

Eine wesentliche Rechtfertigung der Medien für die Veröffentlichung des Namens und des Fotos stellte die bereits erfolgte Benennung des Co-Piloten durch die franzözisische Staatsanwaltschaft dar, sowie das tatsächlich vorhandene Informationsbedürfnis der Leser. Die Leser würden den Namen des vermeintlichen Täters wissen wollen und auch ein Recht darauf haben. In den sozialen Medien jedoch protestierte ein Teil dieser Leser, sie hätten nie ein Interesse am Namen oder am Foto des Co-Piloten gehabt und es handele sich dabei um überflüssige, rein sensationsheischende Informationen. 

Betrachtet man die Suchanfragen der Woche vom 24.3.-31.3. genauer, so lässt sich an diesem Protest zweifeln. Am Tag des Absturzes, dem 24.3., überwog noch das rein sachliche Informationsbedürfnis am Ereignishergang. Über 2.000.000 mal wurde an diesem Tag nach ‚Germanwings‘ gesucht, über 100.000 mal nach ‚Absturz German Wings‘ und verwandten Begriffen und weitere 100.000 mal nach dem Ort Haltern. Am 25.3. wurde dann verstärkt nach der Flugnummer gegoogelt, über 10.000 Suchanfragen. Doch am 26.3., als der Name des Co-Piloten bekannt wurde, verändert sich der Trend: Weit über 1.000.000 mal wurde danach der Name des Piloten gesucht, sein Wohnort (Montabaur) wurde von weiteren 20.000 Nutzern angefordert und über 20.000 Menschen suchten nach der Facebook-Seite des Co-Piloten. Ab dem Zeitpunkt der Namensnennung bleibt dieser Trend konstant und das Interesse an dem Ereignishergang kann die Zahl der Suchanfragen nach Privatdaten des Co-Piloten nicht mehr einholen. Am 31.3.2015, knapp eine Woche nach dem Absturz, streben die Suchanfragen sowohl für den Ereignisverlauf als auch für den Namen allmählich gegen Null. 

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Resonanz im Social Web

Im Vergleich zur Suchmaschinenanalyse haben wir uns an dieser Stelle das Aufkommen der Konversationen und die Themensetzung in sozialen Medien angeschaut. In einem zweiten Schritt betrachten wir die Resonanz auf die Medienberichterstattung am Beispiel der Facebook-Fanpages großer medialer Angebote. 

Um die Reaktionen im Social Web zu messen, wurden die Facebookseiten von sechs Keymedien (SZ, FAZ, Bild, Spiegel Online, ZEIT Online, Die Welt) untersucht. Dazu wurden jeweils die Top 10 Beiträge – gemessen an den „Likes“ – betrachtet und die darunter fallenden Kommentare bezüglich Tonalität, Grad der Sachlichkeit und dem Inhalt kategorisiert. Dabei haben wir uns auf die Top 50 Kommentare pro Beitrag - gemessen an der Relevanz - beschränkt.

Die Codierung lautet folgendermaßen:

Mehrfach kamen die deutschen Tageszeitungen in Zugzwang, ihre Entscheidung für oder gegen eine Veröffentlichung des Namen und des Fotos des Co-Piloten zu rechtfertigen. Grund dafür war ein immenser Druck des Publikums, das solche Veröffentlichungen als ‚pietätlos‘ und ‚respektlos‘ betrachtet. Mit wie viel Kritik insgesamt und mit welchen Kritikpunkten im Detail die Journalisten durch ihr Publikum konfrontiert wurden, zeigt eine Auswertung von je ca. 500 Posts der Top10 beliebtesten Beiträge der Facebook-Fanpages von ZEIT, SZ, FAZ, Spiegel, BILD und der Welt

Rund ein Drittel (bei einzelnen Medien nahezu die Hälfte) aller auf den Facebook-Pages der überregionalen Tageszeitungen in der Woche vom 24.03.-31.03. veröffentlichten Kommentare enthält Kritik an der Berichterstattung. Dabei waren 795 der insgesamt 904 kritischen Kommentare negativ-destruktiver Natur (ca. 88%), d.h. nur verneinend und die Schuld einzig beim Medium selbst suchend. Dabei beziehen sich die Kommentare am häufigsten auf das journalistische Niveau: Sogar vermeintliche Qualitätsmedien wie die FAZ oder die ZEIT werden in diesem Zusammenhang als sitten- und pietätlos bezeichnet. Hierbei handelte sich die ZEIT die meisten Rügen durch die Leserschaft ein, während die Welt extrem wenig Kritik erntete. Zu berücksichtigen gilt jedoch, dass die Welt seit Anfang des Jahres eine radikale Löschungspolitik eingeführt hat, bei der Kommentare, die der Netiquette widersprechen, gelöscht werden. Durch das gesäuberte Profil sind weniger negative Stimmen auf der Seite der Welt demnach zu erwarten.

Nicht nur die Menge der Kritik, sondern auch ihr Themenschwerpunkt variiert von Zeitung zu Zeitung. Während die Zeit am häufigsten dafür kritisiert wird, das journalistische Niveau missachtet zu haben – ein Anspruch, der nicht im gleichen Maße an das Boulevardblatt BILD gestellt wird – wurde die BILD am häufigsten dafür kritisiert, die Privatsphäre der Opfer verletzt zu haben oder unzuverlässig berichtet zu haben. Die FAZ sah sich dagegen am häufigsten mit dem Vorwurf konfrontiert, selbst keine Anteilnahme am Schicksal der Angehörigen zu zeigen und auch zu wenig von Politikern zu berichten, die solche zeigten.

Die Hitzigkeit der Debatte lässt sich darin ergründen, dass immerhin die Hälfte aller in der letzten Woche geposteten Beiträge unter Artikel um den Flugzeugabsturz negativ-destruktiver Natur waren.  Die Kritikpunkte der User sind zwar je nach Medium divers, insgesamt lässt sich jedoch ein Trend ablesen, dass die Leser allgemein Zweifel an der Zuverlässigkeit der Medien, an ihrer Glaubwürdigkeit und an ihrer Qualität zum Ausdruck bringen wollten. Diese Kritikpunkte reichen weit tiefer und sind wesentlich fundamentaler als ein bloßer Streit um die Veröffentlichung eines Namens oder eines Fotos. Diese Veröffentlichungen waren vielmehr ein Auslöser, einer tiefer sitzenden Medienverdrossenheit lautstark Luft zu verschaffen.

Interessant ist hierbei, dass der Anspruch der Leser an die Qualitätsmedien womöglich scheinbar Einfluss hat auf die Sensibilität und dadurch die Kritik an der Berichterstattung. 

Fazit

So traurig dieses Ereignis ist, so zeigt es doch, wie sehr sich die Mediensituation durch Digitalisierung und soziale Elemente verändert hat. Massenmedien verstehen sich nach wie vor als Transporteur von Informationen. Diese Informationen werden zudem aber auch durch Nutzer selbst via Suchmaschinen gesucht und parallel in sozialen Medien diskutiert. Journalisten geraten in ein Spannungsfeld, in dem sie unabhängig von der rein ethischen Bewertung nur schwer allen Seiten gerecht werden können. Die Analyse zeigt, dass die Anfragen in den Suchmaschinen und die Kritik an der Medienberichterstattung in den sozialen Medien in einem gewissen Widerspruch stehen. Der Name des Co-Piloten scheint unabhängig von der Einschätzung der Medien selbst für einen signifikanten Teil der Web-Nutzer von großem Interesse zu sein. Dieses Interesse reicht bis zu seinem Wohnort. 

Persönliche Anmerkung von unserem Geschäftsführer Christian Henne, gelernter Journalist und jahrelang für deutsche Tageszeitungen tätig:

Mögliche Grenzüberschreitungen von Seiten der Medien haben wir an dieser Stelle nicht analysiert. Es wird sie wie so häufig gegeben haben. Dies zu kritisieren, auch öffentlich, ist natürlich notwendig und legitim. Unabhängig davon aber scheint das Vertrauen in die Medien grundsätzlich gesunken (siehe auch https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/ZAPP-Studie-Vertrauen-in-Medien-gesunken,medienkritik100.html).  Die Auseinandersetzung mit dem PEGIDA-Schlagwort ‚Lügenpresse‘ ist nicht vollends abgeklungen. Im Falle des Germanwings-Absturzes stellt sich erneut ein wenig das Gefühl ein, dass die klassischen Medien in einen Kulturkampf geraten, in dem ihre Rolle ganz grundsätzlich hinterfragt wird. Nicht zuletzt wirkt die wellenartige Webkritik ein wenig so, als würde man für die Unfassbarkeit des Ereignisses ein Ventil suchen - und dieses Ventil in einer harschen Medienkritik finden. Für Journalisten ist der Umgang mit dieser Situation alt und neu: Auf der einen Seite müssen sie den wirtschaftlichen Interessen der Verlage nachkommen (in ihrer Rolle als Angestellte). Auf der anderen Seite müssen sie als Journalisten den richtigen und verantwortungsvollen Umgang mit einem solchen Thema meistern. Neu daran ist die Macht der Web-Nutzer - sowohl in ihrem Informationsbedürfnis als auch in ihren direkten Reaktionen. Öffentliche und massenhafte Empörung ist dabei ein Phänomen der neuen digitalen Zeit. Die Häufung der Wortmeldungen zur Medienberichterstattung von Journalisten oder Medienkritikern zeigt, dass auf allen Seiten die latente Gefahr besteht, ein solches Sonderereignis für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. 

Wir als MUNICH DIGITAL INSTITUTE haben uns mit dieser Analyse bewusst Zeit gelassen. Und wir haben versucht, Fakten zu schaffen und keine Bewertung von Redaktionen vorzunehmen. Ich persönlich hoffe, dass uns dies in den Augen der Betrachter gelungen ist.

Zum Umgang der Medien mit diesem Ereignis haben wir verschiedene Journalisten befragt, zum Teil in ihrer professionellen Rolle, zum Teil ganz privat. Die Interviews finden Sie als Teaser unter dieser Analyse und dann auch unter den jeweiligen Interviews verlinkt. Sollten Sie als Journalist oder Publizist zu diesen Fragen Stellung nehmen wollen, dann freuen wir uns auf ihre Antworten. Mail an kontakt(at)munich-digital.com. 

>> Zur Germanwings-Analyse im Gesamtüberblick mit allen Interviews

>> Zum Interview mit Christian Henne auf DRadioWissen
>> Zum Interview mit der 3SAT Kulturzeit

"Name und Bild waren zuerst über die Nachrichtenticker auffindbar..."

  • 08 April 2015
  • Stefan Plöchinger

Stefan Plöchinger, Digital-Chef der Süddeutschen Zeitung, im Interview über das Germanwings-Unglück und dessen medialer Begleitung.

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"Es ist traurig, dass die vierte Macht im Staate für viele nur noch die 'Lügenpresse' ist."

  • 08 April 2015
  • Lars Wallrodt

Interview mit Lars Wallrodt (Leitender Redakteur Welt) zur Rolle von Medien und Web im Kontext des Germanwings-Absturzes.

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"Wir sind Publizisten, keine Pädagogen."

  • 08 April 2015
  • Markus Hesselmann

Markus Hesselmann, Chefredakteur Online beim Tagesspiegel, zur Rolle von Medien und Web beim Germanwings-Absturz.

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